Aus dem Tagblatt vom 21.08.2000 © St.Galler Tagblatt   www.tagblatt.ch

«Weils einfach schön ist . . .»

Drehorgelfest zum Vierten: Über 40 Leierkästen versetzen St. Gallen in nostalgische Stimmung

Am Samstag gaben sich über 40 «Drehörgeler» in der St. Galler Innenstadt die Ehre. Auch die Fangemeinde war da: Die Begeisterung der Männer und Frauen an den Kurbeln steckte an.

Monika Slamanig

Vom Marktplatz her ertönt «O mein Papa», am Bohl der bekannte Schlager -- wie war noch sein Titel? Die alte Dame im Waaghaus summt zwischen zwei Bissen Nussgipfel und einem Schluck Bier leise vor sich hin. Und wiegt sich im Takt des Liedes, das das Paar auf der Bühne aus seinen Kästen kurbelt. «Mir liegt der Text auf der Zunge», sagt sie, die dieses Jahr beim Einkaufen zufällig ins Drehorgelfest geraten und verzaubert hängen geblieben ist.

Mitsingen und dazugehören

Ähnlich scheint es dem übrigen Publikum zu ergehen. Wer verträumt mitsingt, ist meist weit über 50. Die Frage, was denn an den Drehorgeln so fasziniere, beantworten viele mit nostalgischen Gefühlen: Die bekannten Melodien und die verspielten Instrumente erinnerten irgendwie an früher. Aber auch die Stimmung zieht an. «Wir sind eine grosse Familie», sagen die Drehörgeler und ihre Fans. Unter den 42 Mitwirkenden seien die Jüngsten um die 50, sagt Claire Käppeli aus Wohlen. Sie und ihr Mann Cäsar sind eines der 14 meist pensionierten Ehepaare, die diesmal mitspielen. «Der Virus ist ansteckend.» Vor allem, wenn man - wie sie beide - selber Orgeln baue. Frau Käppeli war es, die vor Jahren an einem Jahrmarkt die Liebhaberei entdeckt und ihren Mann dafür begeistert hatte. Nur die Söhne wollen vorerst nichts von den Drehorgeln wissen, die für jeden von ihnen zu Hause herumstehen. Stirbt die Drehorgel-Liebhaberei mit den «Alten» aus? Den Nachwuchsmangel können sie sich nicht erklären. «Das ist wie mit der Kinderlosigkeit», sagt der weiss- und langhaarige Zeno Meier an der Dean-Orgel, «es wird halt eine Generation übersprungen.»

Arrangieren, stanzen, dichten

Das Spiel des 72-Jährigen aus Trogen hebt sich mit überraschend forschen Rhythmen erfrischend vom Gleichton der übrigen Ohrwürmer ab. Er ist stolz darauf. Es sind «seine» Melodien, die er selbst arrangiert und auf Bänder stanzt. Während die Leierkästen im Stadtzentrum zirkulieren, gibt Peter Hunziker aus Bern im Waaghaus seine Moritaten zum Besten. Der Bänkelsänger ist zum ersten Mal ans Drehorgelfest gekommen. Unter den Hobbydrehörgelern ist er einer der wenigen, der seit dreissig Jahren «schlecht und recht» von seiner Liebhaberei lebt. Er spielt und singt in Kleintheatern und an Festanlässen. Aufgewachsen ist er in St. Georgen. «Als fünfjähriger Bub habe ich am St. Galler Jahrmarkt zum ersten Mal einen Leierkasten gesehen», erzählt er. «Darauf sassen zwei Äffchen.» Dieses Bild habe ihn nicht losgelassen. Die Texte seiner Lieder sind eindeutig zweideutig und stammen aus einer Zeit, als erotische Andeutungen noch mit Zensur belegt wurden. Peter Hunziker sammelt und dichtet die Verse.

Unterhaltsam solls sein

Anders als seinerzeit die «Bettelorgler» (Invalide, die sich mit unterhaltender Musik ein Almosen verdienen wollten) versprühten Bänkelsänger Spott und Hohn. «Meist hatten sie die Kleinkariertheit des Bürgertums im Visier.» -- An diesem Samstag ist Hunziker aber auf nicht allzu kritische Unterhaltung bedacht. Andere lösen ihn ab. Mit letzter Kraft und schwitzend in ihren historischen Kostümen, stossen sie ihre Kästen auf die Bühne. Ein älteres Ehepaar reisst sich mit glänzenden Augen los. Wie gern hätte er auch so einen Leierkasten, seufzt er. Sie nickt. Was reizt sie denn so? Beide suchen nach Worten: «Weils einfach schön ist -- voilà.»


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© Peter Hunziker, Bänkelsänger und Liedermacher, CH-3400 Burgdorf

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