HELDEN DER ARBEIT (138) aus "Der Bund" (1999)

«Wirds besser, wirds schlechter /Fragt man alljährlich /Seien wir ehrlich /Das Leben ist immer, lebensgefährlich! – Diese Zeilen von Erich Kästner passen nicht nur gut zum nahen Jahreswechsel, sie sind auch typisch, für das, Programm, das ich in der Altjahrswoche in Bern aufführe. Schwarzer Humor ist eine gute Medizin wider den grauen Alltag, wenn man ihn in der richtigen Dosis verabreicht. Ich habe selbst erlebt, wie man mit Galgenhumor schwierige Situationen. besser verarbeiten kann. Er schafft, eine gesunde Distanz zu Widrigkeiten, die einem allzu nahe gehen. Wo ein Schatten ist, gibt es auch Licht, deshalb müsste man anfügen: Das Leben ist nicht nur lebensgefährlich, sondern auch lebenswert.

Was ich betreibe, ist eigentlich Schwarzweissmalerei: Seit jeher hatte ich Freude an kraftvollen Texten mit unerwarteten Wendungen und starken Gegensätzen. Genau diese Intensität habe ich vor etwa vierzig Jahren in der alten Form von erschütternden Moritaten gefunden. Bei Jahrmärkten und Volksfesten stellten sich die Bänkelsänger, auf ein Bänklein und trugen ihre. Verse begleitet von Drehorgelklängen vor, während sie zur Illustration auf eine Bildtafel mit entsprechenden Motiven deuteten. Die Moritatensänger von früher wollten nicht mit Gauklern verwechselt werden, es lag ihnen viel an der Glaubwürdigkeit und Moral ihrer Geschichten. Aus diesem Grund waren sie seriös gekleidet, trugen ein weisses Hemd und einen Hut.

Diese Tradition setze ich fort. Neben den alten Liedern bin ich auf modernere Schriftsteller gestossen. Bei manchen Gedichten von Erich Kästner, Eugen Roth oder Fridolin Tschudi ist für mich sonnenklar, wie sie vertont werden müssen. Die Dichter müssen sich schon beim Schreiben vorgestellt haben, der Text werde gesungen. Eine besondere Beziehung. verband mich mit dem deutschen Autoren Fritz Grasshoff. Ich habe lange versucht, ihn ausfindig zu machen, weil ich ihm eines seiner Stücke vortragen wollte Nachdem es endlich dazu gekommen war, eröffnete er mir, seine Worte seien zwar schon oft vertont worden, aber mein Stil gefalle ihm besonders, weil er den Charakter der Texte gut unterstütze. Später hat er sogar eigens Verse zu meinen Leierkastenmelodien gedichtet. Grasshoff war auch ein begnadeter Maler und hat seine Bücher selbst illustriert. Einige seiner Motive verwende ich auf den Schautafeln.

Der Inhalt der Moritaten musste früher von der Obrigkeit abgesegnet. Werden. Die Dichter wichen dieser Zensur mit Ironie aus, indem sie ihre Texte über das Mass anpassten, oder mit einer scheinbar sinnlosen Moral enden liessen. Als im Welschland ein Töfflidieb von der Polizei auf der Flucht er schossen wurde, habe ich darüber ein Lied gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass es die Leute beschäftigt. Die Moralzeile lautete: In Armee und Polizei bist auch nach dem Schiessen frei! . Der Beifall gab mir recht. Dennoch, die Zeit der Protestballaden ist vorbei. Wie die meisten Liedermacher beschreibe ich heute eher Stimmungen. Viele Texte, mit denen ich arbeite, haben mit Lebensweisheiten und Lebenstorheiten zu tun, Es geht oft um versteckte und entdeckte, leidende oder beglückende Beziehungen.

Mittlerweile habe ich eine kleine Sammlung mit einfachen mechanischen Musikinstrumenten. Mein Leierkasten hat sechs verschiedene Melodien, von denen ich zwei besonders häufig brauche. Auf einen Durchlauf passt gerade ein Achtzeiler, wenn ich hie und da ein paar Silben verschiebe. Für. die Drehorgel schneide ich selber Lochstreifen mit dem Japanmesser. Die Leute akzeptieren, dass meine Maschinen zuweilen etwas. störrisch sind. Nebst der mechanischen und klanglichen Faszination ist es interessant zu wissen, dass bereits vor langer Zeit mit programmierter Musik gearbeitet wurde.

AUFGEZEICHNET VON PATRICK MARBACH


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© Peter Hunziker, Bänkelsänger und Liedermacher, CH-3400 Burgdorf

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