Das Lebenslauf-ABC und andere Schauergeschichten

Der Moritaten- und Bänkelsänger Peter Hunziker am Berner Drehorgelfestival 1996

aus BrunneZytig vom 14.Juni 1996

Peter Hunziker ging am Waisenhausplatz zur Schule, wurde im Berner Münster konfirmiert, wohnt seit Jahren in der Altstadt (zuerst an der Gerechtigkeits-, jetzt an der Kramgasse), ist Bänkelsänger, Drehorgelspieler und aktiver Teilnehmer am Drehorgelfestival, das innerhalb des Berner Altstadtfestivals stattfinden wird. Gründe genug, diesen ebenso aussergewöhnlichen wie interessanten Menschen heim- und aufzusuchen, um ihn Ihnen vorzustellen. Die grösste Hürde zu ihm, die lange, steile Treppe, die direkt von seiner Wohnungstür in die Stube fällt, links begleitet von einer über und über mit Bildern bestückten Wand, rechts im freien Fall in den Raum führend, lässt mich beinahe rechtsumkehrt machen, da hat er bereits zu sprechen begonnen. Er erklärt mir die Fotos, Gemälde und Skizzen an der Wand, die sich ausschliesslich um ihn, seinen «Hobby-Beruf» und dessen Umfeld drehen. Glücklich die letzte Stufe nehmend, entdecke ich erst die Vielfalt, die in diesem Raume steckt: Nebst den Bildern reiht sich Orgel an Orgel, Dokument an Dokument - ein Mini-Museum eines leidenschaftlichen Bänkelsängers und dessen reichhaltige Sammlung. Auf den ersten Blick sieht für mich alles etwas wirr aus, doch wie es sich während unseres langen Gespräches herausstellt, hat Peter Hunziker seine Schätze wohlgeordnet. Sei es mein Wunsch nach einem alten Programm, Anschauungs-Material der Instrumente, von kleinsten Einzelteilen bis zum grössten Kasten, seien es Vorlagen, Fotos oder selbst-«gestanzte» Bänder: Alles wird mit einem .Griff herbeigezaubert und mit erklärenden Worten präsentiert. Er spricht fliessend, klar und ohne Aussetzer; ich merke, dass der Sänger gewohnt ist, mit der Sprache umzugehen. Dies könnte jedoch auch von seinem «eigentlichen» Beruf herstammen: Er ist Lehrer, wie ich ihm entlocken kann, doch diesen Umstand wischt er mit einer kurzen Handbewegung aus dem Gespräch - seine Seele gehört dem Bänkelsängertum.

«Infiziert» habe er sich, wie er selber sagt, 1958 in der Rampe, bei einer Vorstellung des Bänkelsängerpaars Janda/Nötzold. Doch der Keim wurde schon in seiner Kindheit gepflanzt: Am meisten haben ihn als kleinen Jungen auf allen Jahrmärkten immer die Drehorgeln und die dazu gesungenen Schauergeschichten mitsamt Bildertafeln und den damals noch erlaubten Kapuziner-Äffchen fasziniert. Ganz nebenbei komme ich bei seinen Ausführungen zu einem «Aha-Erlebnis»: Zur Bezeichnung «Bänkelsänger» kam es, weil die Vortragenden jeweils auf einer kleinen Bank standen, damit sie besser gehört wurden. Dazu hielten sie kleine Heftchen feil, in denen die vorgetragenen Geschichten näher beschrieben waren. Dies bot ihnen nebst den «Spenden» ein kleines zusätzliches Einkommen. Von diesen «Zetteln», den «Schnitzeln», führt ein direkter Weg zur Basler Fasnacht. Auch hier werden die besungenen Missetaten auf Papier an das Publikum verteilt: die Schnitzelbänke.

Von Beginn weg begeisterte Peter Hunziker sich für den schwarzen Humor, die Gruselgeschichten und Schauerballaden, die in diesen, damals oft noch 30 Strophen langen, Texten vorherrschten. Nach einer vierzehnjährigen «Inkubationszeit», die er mit Suchen nach weiteren Texten, mit ersten Auftritten an Lagerfeuern und Pfader-Unterhaltungsabenden, und schliesslich in Kleintheatern und Openair-Veranstaltungen verbrachte - zum Teil mit Partnern wie Artur Gloor, Gusti Pollak und Fritz Widmer -, konnte er sich 1972 aus Doppelbeständen eines Museums zwei Drehorgeln kaufen, mit denen er die Stimmung des Jahrmarktes und der Bänkelsänger besser wiedergeben konnte. So gründete er 1974 zusammen mit Susi Aeberhard und Artur Gloor die Gruppe «Berner Bankelsänger», die bis 1980 mit verschiedenen Programmen in vielen Kleintheatern der Schweiz auftrat, ebenso in der Radiosendung «AchtungStufe». Später entstand die Gruppe mit Peter Steiger und Dorothea Walther, die mit immer wieder neuen Programmen und vielen Auftritten, auch im Ausland, von sich reden machte, so auch im Radio DRS, das 1989 im «Spasspartout» die Sendung «Traurig, aber wahr - die Geschichte des Bänkelsangs» ausstrahlte.

Die heutige Situation sei dagegen sehr schwierig geworden, sagt mir Peter Hunziker: Als Dreiergruppe in Kleintheatern aufzutreten rentiere selbst bei ausverkauftem Haus nicht mehr, es sei besser, einzeln loszuziehen. Ausserdem gibt es inzwischen nur noch wenige Kleinbühnen, und diese sind meist ausgebucht. Dazu kommt, dass die Konkurrenz aus dem Ausland, vor allem aus dem Osten, immer stärker wird (auch mit anderen «Jahrmarkt-Darbietungen», wie z.B. Jonglieren, Akrobatik, Zaubertricken und ähnlichem). Das Fazit ist, dass man von diesem Beruf nicht leben kann, weil die Kleinkunstszene meistens keine Subventionen mehr erhält, und entweder (früher) gegen die Verbote, auf öffentlichem Grund zu spielen, zu kämpfen hatte, oder (heute) die vorgegebenen Bedingungen und das Umfeld ein allgemeines Musizieren erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen. Als besonders schwierig erweist sich das Bänkelsingen gerade in Bern, weil die grossen Plätze für elektronisch unverstärkte Stimmen und Instrumente akustisch ungeeignet sind, und die eigentlich idealen, kleineren vom Durchgangs-Verkehr gestört werden.

Still dagegen ist es in Peter Hunzikers Wohnung, als er mir eine kleine Einführung in seine Lieblingsinstrumente gibt: Die Drehorgeln sind entweder mit Pfeifen oder Zungen ausgerüstet, die Programmierung läuft über Stiftwalzen, Metallscheiben oder aber, nach dem alten Lochkarten-System, über gestanzte Kartonstreifen. Gerade bei diesem System wird Peter Hunziker kreativ. Hat er einen ihm zusagenden Text gefunden, aber keine passende vorhandene Melodie dazu, greift er zu Massstab und Japanmesser und löchert sich seine Streifen selbst. Die Texte sucht er am liebsten bei Autoren, die noch nicht oder nicht häufig intoniert wurden, wie z.B. Eugen Roth, Fridolin Tschudi oder Erich Kästner. Ganz besonders stolz ist er jedoch auf die extra für ihn geschriebenen Texte von Fritz Grasshoff; sie kommen seinem Wunsch, etwas Neues zu bringen, statt nur nachzumachen, sehr entgegen.

Etwas weniger still wird es in der Stube, als Peter Hunziker unvermittelt zu einer Kostprobe – mit Stimme und Instrument – übergeht. Völlig perplex lausche ich dem «Lebenslauf-ABC», das folgerichtig auf dem Z-entralfriedhof endet. Ob Mozart weiss, dass er die Melodie dazu schrieb? Die Nachbarn seien bisher sehr tolerant gewesen, versichert mir der Sänger auf meine nicht eingeplante Frage, und prompt kommt auch die Antwort auf meine Erkundigungen nach dem Repertoire: Er besitzt etwa fünfzehn mechanische Instrumente, acht davon sind aktiv im Einsatz; sein grosses Programm umfasst etwa 80, das normale 40 Stücke. Ja, man kann ihn «mieten».

Zum Schluss drückt er mir «Tabelle l» in die Hand. Es ist der Entwurf zum Booklet seiner «endlich aufgenommenen» CD, eine Liste mit den darauf enthaltenen Stücken, Autoren und Instrumenten. In der Spalte «Melodie» tritt als häufigster Name sein eigener auf. Die CD heisst «Schwarzer Humor – Gegen den grauen Alltag» – sie dürfte nun erhältlich sein. Vorerst aber freut er sich auf das Drehorgelfestival in Bern. Bei seinen Auftritten wird er nicht nur spielen, sondern (als einer der Einzigen) auch singen. Ob er dabei von den Organisatoren entschädigt werde, will ich abschliessend wissen. Nein, aber man werde ermutigt, «den Hut zu machen». So heisst das also. Ich habe viel gelernt heute und eine Menge Spass gehabt. Vielen Dank für das Gespräch, Peter Hunziker, und also dann: «Gut Hut».

ur (aus BrunneZytig vom 14.Juni 1996)

Top

© Peter Hunziker, Bänkelsänger und Liedermacher, CH-3400 Burgdorf

http://www.baenkelsaenger.ch/